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Kleiner Briefwechsel

By Februar 8, 2020 No Comments

Eine Facebookfreundin​ hat mir bezüglich der Abstimmung von morgen geschrieben und ich habe geantwortet. Weil ich ihre Einwände jetzt schon ein paar Mal an verschiedenen Stellen gehört und gesehen habe, dachte ich, in Anbetracht der morgigen Abstimmung, aber auch, was den grundsätzlichen Diskurs angeht, poste ich das mal. Also ihre Frage und meine Antwort, natürlich mit ihrem Einverständnis. Wuala!

UND AH JA GEHT ABSTIMMEN WENN IHR NOCH NICHT WART GOPFERDELLI

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IHRE NACHRICHT

1. Du hast doch durch Deine Tabu-Sendungen viele Menschen kennengelernt, welche aufgrund ganz unterschiedlicher Gegebenheiten diskriminiert werden. Diskriminierung ist scheisse, und zwar für alle, nicht nur für Schwule. Oder ist es für einen dicken Schwulen lustiger, wegen Fettleibigkeit diskriminiert zu werden? Wie viele Feministinnen haben schon Mord- und Vergewaltigungsandrohungen erhalten?

2. Homosexuelle kämpfen ausserdem für die Akzeptanz und Normalisierung ihrer Sexualität. Normalisierung bedeutet aber auch, keine Sonderrechte. Ein Sonderschutz würde LGBT meiner Meinung nach als schwach hinstellen. Als Gruppierung, die einen Sonderschutz benötigt. Obwohl sie doch so stark sind. Daher denke ich nicht, dass wir ihnen damit einen Gefallen tun würden.

Mein Nein habe ich deshalb schon eingeworfen – denke jedoch, dass es sowieso ein Ja geben wird

So oder so würde ich mich freuen, Deine Meinung zu obigen Punkten zu lesen. Weil man leider nicht mit vielen vernünftig über dieses Thema diskutieren kann

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MEINE ANTWORT

1. Gerade durch die Arbeit mit Tabu habe ich gelernt, dass man entsprechende Menschengruppen niemals miteinander vergleichen, sondern je für sich anschauen sollte. Jeder Vergleich mit einer anderen tabuisierten oder diskriminierten Gruppe wird den einzelnen Gruppen nicht gerecht und kann schnell in whataboutism ausarten. Grade an diesem Beispiel: Eigentlich waren ursprünglich die trans Menschen auch drin, die sind aber wieder rausgeflogen. Da hätte man auch gleich sagen können JA DANN HALT NICHT! Aber manchmal muss man Kompromisse machen. Und auch die trans Community unterstützt das Ja zum Schutz, obwohl sie nicht mehr darin enthalten sind. Um ein Zeichen zu setzen und eventuell in einem nächsten Schritt u.a. auch die trans Menschen dort einzufügen.
Und das mit dem dicken Schwulen klingt zwar nach einer treffenden Pointe, geht aber halt nur bedingt auf. Ich vermute, der schwule Dicke findet es nur schon mal ziemlich gut, nicht wegen seines Schwulseins diskriminiert zu werden. Und meinst Du wirklich, eine Feministin wäre gegen das „Ja zum Schutz“ für Homosexuelle, weil sie selbst Ziel von Mord- und Vergewaltigungsandrohungen geworden ist? Ich glaube, eher im Gegenteil.
Ausserdem: Wie sinnvoll eine Massnahme ist, oder nicht, entscheidet schlussendlich die Gesellschaft, bzw. hier das Stimmvolk. Zum Beispiel kannst Du jederzeit fordern, die Anti-Rassismus-Strafnorm auf Fettleibige auszuweiten und die Gesellschaft wird sich dann überlegen, ob sie das sinnvoll findet.

2. Das „Ja zum Schutz“ sagt nicht: „Schützt die Homosexuellen, denn sie sind so schwach.“ Sondern: Schützt die Homosexuellen, denn sie werden deutlich häufiger Opfer von Gewalt und Diskiminierung. Häufiger als zum Beispiel, ähm, Heterosexuelle, tadaa. Und natürlich sind Homosexuelle stark. Aber doch grundsätzlich nur gleich stark wie Heteros, oder? Denn meistens, wenn man sagt, Homosexuelle seien so stark, dann meistens darauf referierend, was sie so alles wegen ihrer sexuellen Orientierung aushalten müssen. Oder hast Du Dir jemals gedacht: Hach, Heterosexuelle sind so stark. Natürlich nicht, warum auch, schliesslich haben die ja keinen expliziten, gruppenbezogenen Grund, stark zu sein. Homosexuelle sind eigentlich gleich stark wie Heteros, sie müssen einfach mehr aushalten. Ich möchte, dass alle gleich stark oder schwach sein dürfen.
Und auch die Formulierung „dass wir ihnen einen Gefallen tun“ finde ich äusserst unglücklich. Wir (wer ist wir? Die Gesellschaft? Die Heterosexuellen? Die mehrheitlich heterosexuelle Gesellschaft? Siehst Du das Problem?) zwingen ihnen den Gefallen ja nicht auf. Sie fordern diesen Gefallen von uns. Ihnen den Gefallen abzuschlagen, grade mit dieser Formulierung und Argumentation, ist gönnerhaft und fast schon ein bisschen arrogant. Geht in die Richtung: „Ich weiss besser, was für Euch gut ist, als Ihr.“

Alles in allem würde ich sagen: Diese Abstimmung und die damit verbundene Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm ist natürlich alles andere als das Ende der Regenbogenfahnenstange, bzw. sie ist nicht die endgültige Lösung für das Problem. Sie ist in erster Linie ein Zeichen unserer Gesellschaft. Es ist nicht ein Schutz für Schwache, sondern für Angegriffene. Die einzige Schwäche ist, dass sie weniger sind. Sie sind eine Minderheit, die übermässig angegriffen wird. Und ja, natürlich weiss ich auch nicht, wie viel das schlussendlich in Tat und Wahrheit bringt, abgesehen von der Symbolträchtigkeit (die aber meiner Meinung nach nicht zu unterschätzen ist). Aber ich glaube, es bringt deutlich mehr, als wenn wir ihnen diesen Wunsch verweigern mit der Antwort: „Hey, Ihr braucht das nicht, Ihr seid doch so stark.“

Daher würde ich sagen: Ich verstehe Deinen Ansatz grundsätzlich, finde ihn aber nicht zu Ende gedacht und als Argument zu wenig stark, um „nein“ zu stimmen. Aber schlussendlich muss jedes Mitglied der Gesellschaft so stimmen, wie es sich fühlt, dafür sind wir ja schliesslich eine Demokratie. Aber ich teile Deine Meinung nicht, oder wenn, dann nur zu einem ganz kleinen Teil:
Denn ja, ich finde auch, Homosexuelle sind grundsätzlich stark und selbständig und alles andere als schwach und von Heteros abhängig und ja: Alle sollten die gleichen Rechte haben. Aber nur bei den gleichen Voraussetzungen. Wir können nicht so tun, als ob Homosexuelle in der Gesellschaft schon so komplett akzeptiert sind (wie Heteros). Das dauert. Und wenn eine Gesellschaft sieht, dass eine Gruppe diskriminiert wird, dann kann die Gesellschaft Massnahmen ergreifen, um dem entgegenzuwirken, wenn sie will. Und ob sie will, sehen wir morgen.
Und ja, mich würde es ebenfalls überraschen, wenn sie nicht will, denn ich habe bisher keine überzeugenden Argumente dagegen gehört.

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IHRE ANTWORT

Wow, vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Interessante Ansicht. Ich verstehe Deine Punkte. Natürlich sind Heteros nicht stärker oder schwächer als Homos. Das habe ich aber auch nicht gemeint. Obwohl sie doch so stark sind – wie wir oder wie die Heteros, und darum keinen Sonderschutz benötigen, wie Heteros ja auch nicht. Oder eben doch, weil heutzutage einfach jeder geschützt werden sollte. Weil Diskriminierung keine Meinung ist.

Was ich nicht akzeptiere, ist die Unterstellung der Arroganz, da das in keinster Weise meinem Motiv entspricht. Ich mache mir meine Gedanken darüber, wie alle für alle Gerechtigkeit erlange. Nicht nur für mich, aber auch nicht nur für Homosexuelle. Ich masse mir nicht an, besser zu wissen, was für Homosexuelle gut ist. Aber ich werde nun mal gefragt, jedenfalls habe ich die Abstimmungsunterlagen bekommen, also muss ich mir überlegen, was meine Meinung dazu ist. Ob ich denke, dass diese Änderung etwas bringt. Nicht nur den Homosexuellen, sondern ob es unsere Gesellschaft zu einer besseren macht. Davon bin ich nicht ganz überzeugt. Und ich kenne auch Homosexuelle, die selbst Nein stimmen. Allerdings nur wenige. Wobei ich sowieso nur wenige Homosexuelle kenne

Du kannst es gerne posten, auch mit meinem Namen. Ich bin in etwa so kommentarspaltenresistent wie Du

Und falls jemand Mord- und Vergewaltigungswünsche ausspricht, weisst Du ja, wie Du darauf reagieren kannst, ohne dass ein neues Gesetz nötig wird zu meinem Schutz.

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Voilà, das war’s. Und eben, falls Ihr noch nicht abgestimmt habt: Hopp, hopp, Ihr aufrechten Schweiz*olinos!